AJA-Fachtagung zur Anerkennung vom Austauschjahr bei Schulzeitverkürzung

„Kreative Lösungen finden“

Mit der Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre bis zum Abitur haben die 16 Bundesländer unterschiedliche Regelungen getroffen, wann ein Auslandsschuljahr auch im 12-jährigen Bildungsgang anerkannt werden kann. Durch die Veränderung sind deutschlandweit viele Jugendliche verunsichert, ob ein Austauschjahr für sie noch in Frage kommt.

Erstmals Zusammenarbeit von gemeinnützigen und kommerziellen Organisationen

Um dieser Verunsicherung entgegenzuwirken, hat AJA zum Thema „Anerkennung von Auslandsschuljahren bei Schulzeitverkürzung“ eine Fachtagung veranstaltet, die am 3. Juni 2009 in Kassel stattfand. Erstmals haben sich hierfür gemeinnützige und kommerzielle Austauschorganisationen zusammengeschlossen: Neben den AJA-Mitgliedern erklärten sich 40 weitere Organisationen bereit, die Tagung zu unterstützen.

Eingeladen waren die Referentinnen und Referenten der Kultusministerien der Länder, die für die Frage der Anerkennung von Auslandsschuljahren zuständig sind. Aus neun Bundesländern kamen Referenten, um mit Vertretern der Austauschorganisationen, ehemaligen Austauschschülern und einem Schulleiter über die unterschiedlichen Regelungen zur Anerkennung zu diskutieren und die Sichtweise der anderen kennen zu lernen.

Während etwa in Thüringen ein Auslandsschuljahr in der 10. Klasse oftmals problemlos anerkannt wird, können Schülerinnen und Schüler in Berlin nur dann ein ganzes Jahr im Ausland verbringen, wenn sie ein zusätzliches Schuljahr in Kauf nehmen. Ehemalige Austauschschüler sind sich zwar einig, dass sich ein Austauschjahr in jedem Fall lohnt – aber dennoch lassen sich zahlreiche interessierte Jugendliche von der Vorstellung abschrecken, den Anschluss an ihre Klassenkameraden zu verlieren, wenn das Jahr nicht anerkannt wird.

Persönliche Erfahrungen und wissenschaftliche Studie

Die ehemalige Austauschschülerin Susann Heidemüller berichtete, dass es ihr zusätzliche Sorgen bereitet hatte, sich nach ihrer Rückkehr in eine neue Jahrgangsstufe einleben zu müssen. „Hätte ich einfach in meinen alten Jahrgang zurückgehen können, wäre es leichter gewesen, sich auf den Unterricht anstatt auf soziale Kontakte zu konzentrieren“, erzählte sie. Das Austauschjahr sei für die Abiturientin dennoch ein einmaliges Erlebnis, das sie unbedingt empfehlen könne.

Auch Julian Reese zog eine positive Bilanz seines Austauschjahres: „Dort konnte ich das Schulfach Psychologie wählen und habe so eine neue Idee für meine berufliche Zukunft bekommen.“ Es sei ein Vorurteil, dass Unterricht in den USA im Vergleich zu Deutschland ein niedrigeres Niveau habe. „Meine Mathematik-Lehrerin hat mir sogar Einzelunterricht gegeben“, berichtete der 12.-Klässler. Trotzdem konnten seine im Ausland erbrachten Leistungen nicht für das deutsche Abitur anerkannt werden.

Einig waren sich die beiden jungen Erwachsenen darüber, dass das Erlebnis Austauschjahr ihnen Selbstbewusstsein, Motivation und eine positivere Einstellung zu Bildung gebracht hätte. Diese Wirkung bestätigt auch Soziologin Lisbeth Hürter, die einige Ergebnisse ihrer Studie „Entfernung schafft Klarheit“vorstellte. In der Arbeit werden die Auswirkungen vom Auslandsschulbesuch auf Zensuren und den weiteren Bildungsweg untersucht. Viele der Befragten konnten nach einem Austauschjahr ihre schulischen Leistungen verbessern und fühlten sich vor allem in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit bestärkt.

Den Dialog fortsetzen

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Auch Angela Spizig, die Bürgermeisterin der Stadt Köln, sprach beim Auslandsschuljahr von einer „character building experience“. Als Gastrednerin appellierte sie an die Anwesenden, bei der Frage der Anerkennung von Auslandsschuljahren gemeinsam „kreative Lösungen“ zu finden. Austauschschüler sollten als Individuen betrachtet werden und Schulleitungen in allen Bundesländern die Möglichkeit bekommen, dementsprechend individuell zu entscheiden. Als ehemalige Austauschschülerin und Mitglied im Kuratorium des AFS betonte Frau Spizig, wie wichtig es für die Gesellschaft sei, Jugendlichen prägende interkulturelle Erfahrungen zu ermöglichen und damit zur Völkerverständigung beizutragen.

Auch die anwesenden Referentinnen und Referenten sprachen sich sehr positiv für den langfristigen Jugendaustausch aus, baten allerdings um etwas mehr Zeit, um Erfahrungen mit den neuen Regelungen zu sammeln. Der Dialog mit den Austauschorganisationen solle auch in Zukunft gern fortgesetzt werden.

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